Türen – und was hinter ihnen steckt #1

Wer in der Adventszeit unseren Podcast-Adventskalender „24 Türen“ verfolgt hat, dem sind sicher auch die Bilder der sehr unterschiedlichen Türen, Tore und Durchgänge bzw. Durchfahrten aufgefallen, die die Hörstücke begleitet haben. Türen machen neugierig: Verschlossene Türen werfen die Frage auf, was sich hinter ihnen verbirgt. Durchgänge eröffnen Durchblicke, sie lenken den Blick des Betrachters bzw. der Betrachterin in eine bestimmte Richtung. Ich fotografiere sehr gerne Türen – und mache mich damit bereitwillig zum Gespött meiner Söhne. Aber das nehme ich gerne auf mich, weil ich im Lauf der Jahre viele sehr vielgestaltige Türen entdeckt habe, die mich neugierig gemacht haben und von denen einige sogar Geschichte(n) erzählen. Bei den beiden heute beschriebenen Türen spielt Geld eine zentrale Rolle.

Dieses war die achte Tür in unserem Adventskalender. Sie befindet sich in Limburg.

Unsere erste Tür-Reise-Etappe führt uns ins hessische Limburg und sie hat auch einiges mit mir und meiner Familie zu tun. Limburg ist eine schöne Fachwerkstadt. Ihr Wahrzeichen, der weithin sichtbare Limburger Dom, war früher auf dem Tausendmarkschein abgebildet. Warum das so war, das hat wahrscheinlich auch mit einem Mann zu tun, der hinter dieser schönen, sehr massiven und schweren Holztür gewohnt hat. Passend zu Weihnachten sind auf ihr sogar Sterne zu sehen. Das Fenster über der Tür ist mit einem schmiedeeisernen Gitter versehen, auf dem die Initialen „RB“ zu erkennen ist. Diese Tür war vier Jahre lang auch unsere Haustür. Und sie war nicht nur unsere Haustür, sondern auch der Eingang zur Limburger Zweigstelle der Landeszentralbank in Hessen, die der Arbeitsplatz meines Mannes war. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich noch sehr genau vor mir, wie es hinter der Tür weiterging. Man betrat einen Flur, in dem es geradeaus zum Kundeneingang der Bank ging, an der rechten Seite befand sich eine weitere Tür, hinter der das zu den Dienstwohnungen führende Treppenhaus lag. Unsere Wohnung befand sich im ersten Obergeschoss des rechten Seitenflügels über der Bank. Die Initialen über der Tür stehen übrigens für „Reichsbank“, die die Vorgängerin der Bundesbank und somit auch der Landeszentralbank in Hessen war.

Und dahin gehört die Tür. Das Foto dürfte 1997 entstanden sein.

Das Haus befindet sich auf einem Eckgrundstück, das vorne keinen rechten Winkel hat. Es hat zwei Seitenflügel und wird verbunden durch den Mittelbau, in dem sich auch die Eingangstür befindet. Auf dem Foto kann man es nur dann erkennen, wenn man genau hinschaut – vor allem, wenn man das Dach vorne genauer in den Blick nimmt – oder wenn man das Haus gut kennt: Der Mittelbau ist vorne nicht gerade, sondern leicht konkav, wahrscheinlich wegen des Winkels des Grundstücks an der Vorderseite des Hauses. Besser als von außen konnte man das von innen, vom Speicher her sehen. Das Haus wurde 1922/1923 als Geschäftsgebäude mit Dienstwohnungen für die Reichsbanknebenstelle Limburg gebaut. Der genaue Fertigstellungstermin war für den Chronisten nicht leicht zu ermitteln, erst die Akten des Limburger Finanzamtes gaben hier genaueren Aufschluss. Hier wurden die Dienst- und Wohnräume zum 12. Januar 1924 als bezugsfertig gemeldet. Im Normalfall wäre über die Fertigstellung eines solchen Gebäudes sicher in der Lokalzeitung – in diesem Fall der „Nassauer Bote“ bzw. der „Limburger Anzeiger“ berichtet worden. Limburg stand zu dieser Zeit allerdings unter französischer Besatzung und der „Nassauer Bote“ war zwischen April und Oktober 1923 verboten. In einem Extrablatt vom 21. Juli 1923 war folgendes zu lesen: „Der Nassauer Bote ist von der französischen Besatzungsmacht wegen seiner treudeutschen Haltung – Weigerung, Bekanntmachungen der französischen Behörde abzudrucken – neuerdings auf drei Monate verboten worden. Er ist ein Opfer seiner vaterländischen Pflicht geworden!“

Die noch vorhandenen Akten zum Bau schließen mit dem 1. März 1923, die neuen Geschäftsräume wurden vermutlich zwischen September und November 1923 bezogen. Der erste Bewohner einer der Dienstwohnungen meldete seinen Einzug am 23. November 1923 beim Limburger Einwohnermeldeamt. Nach Angaben seines Sohnes und seiner Ehefrau erfolgte dieser Einzug über „noch über nicht weggeräumte Bauleitern, Bretter usw.“ (Alfred Imhäuser: Chronik der Reichsbanknebenstelle/Landeszentralbank Zweigestelle Limburg, unveröffentlichtes Manuskript 1982). Wie wir später feststellten, war dieser Reichsbankkassierer, der 1923 in das Gebäude zog, der Urgroßvater der späteren Kindergartenfreundin unseres ältesten Sohnes und der Großvater einer sehr lieben Freundin von uns – die Welt ist klein und irgendwo schließen sich die Kreise.

Tresortür in der ehemaligen Landeszentralbankzweigstelle Limburg

Und auch die zehnte Tür unseres Adventskalenders befindet sich in diesem Gebäude. Es handelt sich bei ihr um die Tür zum „Allerheiligsten“ des Gebäudes, zum Tresor. Vier Jahre lang habe ich diese Tür nie zu sehen bekommen – aus Sicherheitsgründen. Erst bei unserer Abschiedsfeier – wir waren nach der Schließung der Zweigstelle im Jahr 1998 die, die im wahrsten Wortsinn das Licht ausgemacht haben – habe ich einen ersten Blick auf diese Tür werfen dürfen, die sich übrigens direkt unter unserem Schlafzimmer befand. Weil der Tresor relativ klein war, hatte er zwei Geschosse und einen Aufzug, den wir in der Wohnung deutlich hören konnten. Wenn wir damals Urlaub hatten und zu Hause waren, war unser Weckgeräusch das Klimpern von Hartgeldbeuteln, die am Tresoreingang ausgeladen wurden. Dem Tresor sah man übrigens seine Entstehungszeit in den 1920er Jahren deutlich an: Er hatte sehr schön gestaltete Griffe, zum Teil in Löwenkopfform.

Türgriffe an der Tresortür der Landeszentralbankzweigstelle in Limburg

Auch mit dem Tresor verbindet sich Geschichte: So berichtet der „Nassauer Bote“ in seiner Ausgabe vom 23. Oktober 1924 über die Besetzung Limburgs durch die Franzosen am 15. Mai 1923. Auch die „Reichsbankbetriebsstelle“ Limburg war damals besetzt worden. Leitende Beamte hätten sich damals geweigert, die Schlüssel herauszugeben, was dazu geführt habe, dass sie für vier Tage und Nächte „unter starker Bewachtung“ festgehalten worden seien. Durch einen Trick sei es den Bankmitarbeitern gelungen, den Schlüssel aus dem Gebäude herauszuschaffen. Daraufhin seien französische Techniker aus Koblenz angefordert worden, die die Stahlwand des Tresors aufgeschweißt hätten. Im Tresor sei lediglich etwas Silbergeld und durch die Inflation mittlerweile wertlos gewordenes Papiergeld vorgefunden worden.

Die Chronik, die der ehemalige LZB-Mitarbeiter Alfred Imhäuser mit viel Engagement und Genauigkeit zusammengestellt hat, umfasst neben Details zum Gebäude mithilfe von Adressbuchauszügen auch einige Informationen über die Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses – von Reichsbankdirektoren über Reichsbank-Obergeldzähler (was für eine Dienstbezeichnung!) bis hin zur Hausgehilfin.

Für einen der ehemaligen Reichsbankdirektoren, Wilhelm Könneker (1898-1984), war die Limburger Nebenstelle Station für seinen Nachkriegs-Aufstieg, der ihn bis in den Zentralbankrat der Deutschen Bundesbank in Frankfurt führte. Könneker war von 1938 bis zu seiner Einberufung 1942 sowie von November 1945 bis Herbst 1946 Leiter der Nebenstelle. Anschließend übernahm Könneker die Bankenaufsicht in Hessen bevor er Vizepräsident der Landeszentralbank von Hessen wurde. Von 1948 bis zur Gründung der Deutschen Bundesbank war Könneke dann Vizepräsident der Bank Deutscher Länder. Von 1958 bis zu seinem Ausscheiden 1966 war er Mitglied des Zentralbankrates der Deutschen Bundesbank. Möglicherweise war er es – immerhin war er für die Ausgabe von Banknoten verantwortlich – dem es zu verdanken ist, dass der Limburger Dom auf dem Tausendmarkschein abgebildet wurde. Über Wilhelm Könneker scheint es ziemlich wenig Informationen zu geben – sucht man im Internet nach ihm, findet man Hinweise auf Bücher und Aufsätze, die er selbst geschrieben hat, aber wenig über ihn. Auch Wikipedia kennt Wilhelm Könneker bislang nicht.

1000-DM-Schein Serie 3, Rückseite (Limburger Dom) – original uploader was Augiasstallputzer at German Wikipedia (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1000_DM_Serie3_Rueckseite.jpg)

Mit der Reichsbank bzw. der Bundesbank ist auch die 17. Tür unseres Adventskalenders verbunden. Das Bild zeigt den Durchblick vom Gebäude der ehemaligen Reichsbankhauptstelle in Frankfurt auf die „Skyline“ der Stadt. Das Gebäude, das inzwischen durch einen Neubau ergänzt wurde, gehört heute zum Gebäudeensemble das die regionale Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank beherbergt.

Blick vom Portal des ehemaligen Reichsbankhauptgebäudes in Frankfurt auf die Skyline

Hier befindet sich auch der historische Notenbanksaal, der der „Bank Deutscher Länder“ zwischen 1948 und 1957 sowie der Bundesbank bis 1972 als Sitzungssaal gedient hat. Der Saal ist bewusst weitgehend in dem Zustand belassen worden, wie er ursprünglich Ende der 1940er Jahre eingerichtet wurde. Ich vermute, dass lediglich die Beleuchtung erneuert wurde, außerdem wurden die Porträts der Bundesbankpräsidenten an der Wand jeweils ergänzt.

Notenbanksaal in Frankfurt

Eine Gedenktafel am Gebäude bezeichnet ihn als „Geburtsstätte der Deutschen Mark“. Zur Architektur des Alt- und des Neubaus sowie zur künstlerischen Gestaltung des Neubaus, die die Themenverbindung „Frankfurt – Goethe – Geld“ aufgreift hat die Deutsche Bundesbank eine Broschüre mit Bildern aufgelegt..

Gedenktafel am ehemaligen Reichsbankhauptgebäude (heute regionale Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank) in Frankfurt.

Quellen:

Imhäuser, Alfred: Chronik der Reichsbanknebenstelle/Landeszentralbank Zweigestelle Limburg, unveröffentlichtes Manuskript 1982

Nassauer Bote, Ausgaben vom 15. Juli 1923 und vom 23. Oktober 1924 (zitiert nach Imhäuser, Alfred: Chronik der Reichsbanknebenstelle/Landeszentralbank Zweigestelle Limburg, unveröffentlichtes Manuskript 1982)

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