Aus der Geschichte lernen?

Manche Begriffe, die einmal wichtig waren, verlieren im Lauf der Zeit an Bedeutung, was auch zur Folge haben kann, dass die Schreibweise verloren geht. Welche Bedeutung kann das „Lernen aus der Geschichte“ für uns überhaupt haben?

Nein, ich möchte mit dem Bild oben niemanden bloßstellen. Es stammt aus einer Ausstellung, die Schülerinnen und Schüler erarbeitet haben – mit sehr viel Liebe und Hingabe. Es war eine Freude, diese Ausstellung anzuschauen. Dass man im Wort Kassettenrecorder so viele Rechtschreib-Lapsi unterbringen kann, ist nach meiner Wahrnehmung eher ein Symptom: Ich bin mit Kassettenrecordern aufgewachsen und habe sie täglich benutzt. Die Jugendlichen, die heute zur Schule gehen, kennen diese Technik in der Regel nicht mehr. Und dass es dann falsch geschrieben wird, ist möglicherweise eher das Zeichen fehlender Erfahrung, des Vergessens und des Nicht-Kennens als einer grundsätzlichen Orthographie-Ignoranz.

Ja, ich gebe es zu: Auch ich bin der Illusion aufgesessen, dass wir aus der Geschichte lernen können, dass mehr Bildung dazu führen kann, dass unser Leben besser, wahrhaftiger und ehrlicher wird. Zweifel an dieser Vorstellen von einer linearen Geschichtsentwicklung, in der es unaufhaltsam aufwärtsgeht, habe ich schon seit langem. Aber mittlerweile bin ich ziemlich sicher, dass wir uns zwar entwickeln, dass Entwicklung nicht in jedem Fall zu dem führt, was ich als „Verbesserung“ empfinden und beschreiben würde.

Obwohl ich das mittlerweile einkalkuliere – und mich damit dem Zustand der Ent-Täuschung immer weiter annähere – bin ich doch manchmal immer noch entsetzt, dass das mit der Forderung nach Bildung und Aufklärung so wenige Früchte trägt und dass wir (und da schließe ich mich selbst ausdrücklich mit ein) so wenig in der Lage sind, mal zur Seite zu sehen und voneinander zu lernen. Das gilt sowohl für das historische Lernen (der Anspruch, dass Bildung dazu führen müsse, dass sich „Geschichte nicht wiederholt“ und auch, dass wir aus unserer historischen Vergangenheit Rückschlüsse für unser Tun und Lassen in der Gegenwart ziehen können) als auch für unser individuelles und persönliches Handeln – nicht nur aber gerade auch in den Zeiten der Corona-Pandemie.

Wenn wir die Corona-Pandemie betrachten, lohnt unter anderem ein Blick auf die Spanische Grippe (ich weiß, die kam nicht aus Spanien …), die die Welt vor etwas mehr als 100 Jahren umgekrempelt hat und die viele Menschen das Leben kostete. Zwar ist Corona nicht das Gleiche wie die Spanische Grippe oder überhaupt die Influenza, aber es gibt sowohl hinsichtlich der Erkrankung selbst als auch in Bezug auf die Dynamik der Pandemie durchaus Parallelen, aus denen man Schlüsse ziehen kann. Das gilt sowohl im Hinblick auf die Ausbreitung als auch auf den Umgang mit dem Infektionsgeschehen (ich empfehle dazu auch Laura Spinneys Buch „1918 – Die Welt im Fieber“). Wobei natürlich zu überlegen ist, wie eigentlich gefiltert wird, an was wir uns individuell und an was wir kollektiv erinnern. Nicht vergleichbar – und sicher sehr viel dramatischer ist allerdings die Ausgangssituation: Die Seuche begann ihren Weg in der Zeit, als der Erste Weltkrieg endete. Sie verbreitete sich sowohl unter Soldaten als auch unter der Zivilbevölkerung. Damals herrschte in vielfacher Hinsicht nicht nur in Europa eine Mangel- und Notsituation in fast allen Belangen. Die Menschen litten sowohl physisch als auch psychisch unter den Auswirkungen und Folgen des Krieges. Es fehlten nicht nur die vermissten Soldaten in den Familien sowie die Arbeitskräfte in vielen Betrieben und in der Landwirtschaft. Die Nahrungsmittelversorgung war in großen Teilen zusammengebrochen, viele Menschen – gerade auch Kinder – waren chronisch mangelernährt und damit noch anfälliger für Infektionen als ohnehin. Insgesamt – die Pandemie erstreckte sich in drei Wellen zwischen 1918 und 1920 – wurden vermutlich rund 500 Millionen Menschen infiziert, es starben mindestens 20 bis 50 Millionen Menschen; es gibt allerdings auch Schätzungen, die von rund 100 Millionen Toten ausgehen. Damit starben an der Influenza mehr Menschen als im gesamten Ersten Weltkrieg.

Ähnlich wie auch bei der heute durch SARS-CoV2-Viren ausgelöste Erkrankung waren die Auswirkungen auch damals komplex. Es gab nicht nur Lungenentzündungen und Fieber, es kam auch zu Schädigungen anderer Organe wie der Nieren sowie zu Hirnhautreizungen und neurologischen Symptomatiken. Auch chronische Erschöpfungszustände bei Genesenen kamen häufig vor.

Schon damals waren Verschwörungstheorien in Umlauf, die vor allem den Ursprung des Virus betrafen, der mangels Daten bis heute nicht vollständig geklärt werden konnte. So wurde vor allem in der alliierten Presse darüber spekuliert, dass die Infektionen von deutschen U-Booten oder von deutschen Kriegsgefangenen ausgegangen seien.

Ähnlich wie heute Corona verbreitete sich das Virus in aller Welt – selbst die kleinsten Inseln der Südsee blieben nicht verschont. Ein entscheidender „Globalisierungsfaktor“ damals war der Krieg, der tatsächlich ein Weltkrieg im wahrsten Wortsinn war. Gekämpft wurde nicht nur in Europa, sondern auch in vielen anderen Ländern der Welt. Ein probates „Vehikel“ für die Ausbreitung des Virus waren Truppentransporte, außerdem spielten auch Migration, der Handel und nicht zuletzt der Kolonialismus eine wesentliche Rolle. Die erste Welle fand ihre Opfer in besonderem Maße in den Schützengräben an der Westfront. Die erste Welle im Frühjahr 1918 verlief vergleichsweise glimpflich, während die zweite (Herbst 1918) und die dritte Welle (Frühjahr 2019) wesentlich gravierendere und fatalere Auswirkungen hatte.

Heute diskutieren wir intensiv über Gegenmaßnahmen. Das geschah auch damals und ebenso wie heute, war sehr schnell klar, dass Hygiene und Quarantäne sowie das Tragen von Masken schnelle Wirkung zeigten – allerdings waren diese Maßnahmen unter den Bedingungen der Kriegs- und Nachkriegszeit nur schwer einzuhalten. Dennoch gab es Städte, die das Tragen eines Mundschutzes zur Pflicht machten und Verstöße mit Bußgeldern ahndeten. In New York wurde beispielsweise mit einer Kampagne unter dem Motto „Better be ridiculous than dead“ (Lieber lächerlich als tot) für das Tragen von Masken geworben. Die Eindämmung wurde immer wieder durch zu frühe Lockerungen zurückgeworfen.

Auch wenn die Influenza damals einen hohen Preis forderte, verdanken wir dieser Pandemie einen Modernisierungsschub hinsichtlich Hygiene und Seuchenschutz, außerdem intensive Forschungen zu Impfstoffen, die uns heute in die Lage versetzen, in jeder Grippesaison einen Impfstoff vorhalten zu können, der voraussichtlich zu der Virusmutation passt, die sich im jeweiligen Jahr ausbreitet. Aber offensichtlich geht Wissen auch verloren.

Liest man 2020 über die Spanische Grippe, die vor etwas mehr als 100 Jahren wütete, kommt einem manches bekannt vor. Und wir scheinen uns kaum noch an diese Zeit zu erinnern. Auch wenn es vermutlich niemanden mehr gibt, der die Spanische Grippe in seiner Lebenszeit erlebt hat, könnte man doch vermuten, dass das Wissen über die Pandemie und ihre Bekämpfung zumindest teilweise in unserem Gedächtnis geblieben ist. Doch dem scheint nicht so zu sein. Wir betonen, dass es eine Situation wie die gegenwärtige „noch nie“ gegeben habe. Aber nicht nur die Spanische Grippe war eine Pandemie an der viele Menschen gestorben sind. In den Jahrhunderten davor gab es andere Krankheiten wie die Pest, die Cholera, Typhus und Polio. In unserer Gegenwart gibt es unter anderem Ebola. Doch unser Gedächtnis scheint kurz zu sein und wir realisieren vieles nicht, wenn es nur räumlich weit genug entfernt ist.

Das was uns in Bezug auf die Erfahrung der Pandemie nicht gelingt (wir schaffen es ja nicht einmal, tatsächlich voneinander zu lernen, sondern meinen immer wieder, dass das Rad überall und von jedem und jeder aufs Neue erfunden werden müssen), scheint auch für andere Fragen nur begrenzt zu funktionieren. Das macht den Anspruch, dass es möglich sei, dass wir aus der Geschichte lernen können, dass uns die Erinnerung die Wiederholung ersparen könnte, zumindest fragwürdig. Und auch die Flucht in eine vermeintlich bessere „gute alte Zeit“ scheint nur sehr begrenzt zu funktionieren. Dazu haben sich auch Kathrin Passig und Aleks Scholz in ihrem „Handbuch für Zeitreisende“ (ich verweise dazu auf meine Rezension) auf sehr amüsante und erhellende Art Gedanken gemacht. Das Buch, das in Reiseführer-Manier auf Basis der fiktionalen Annahme, dass Zeitreisen längst möglich seien, geschrieben ist, ist nicht nur ein etwas schräges Gedankenexperiment, es erlaubt auch einen Blick auf unser Geschichtsverständnis. Und Geschichte ist eben gerade nicht zwangsläufig eine lineare Entwicklung zum Besseren oder der Blick in eine idyllischere und gemütlichere, nostalgisch verbrämte „gute alte Zeit“.

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