Von #Histodingsen und Feierabendziegeln

Manchmal sind es gerade Kleinigkeiten, die überraschend mit Erkenntnisgewinn verbunden sind. Und manchmal sind es besonders hübsche Kleinigkeiten, die den Historikerinnen-Alltag versüßen. Dieses Mal war es die Aufforderung des Histocamp-Teams (wer noch nicht weiß, dass ein #Histocamp die großartigste Möglichkeit ist, eine historische Tagung in Form einer „Nicht-Konferenz“ – eben eines sehr lebendigen und dennoch inhaltlich gehaltvollen Bar-Camps für Historiker/innen zu zelebrieren, kann sich unter https://www.histocamp.de/ mit allen nötigen Informationen versorgen) für die Vorstellungsrunde nach einem „histodings“ zu suchen. Ein bisschen überlegen musste ich schon, aber dann habe ich mich für einen unserer beiden „Trottenziegel“ entschieden.

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Einer von zwei handgetöpferten, mit Karikaturen versehenen Dachziegeln aus dem Jahr 1791/1792

Die beiden Ziegel wurden bei der Neueindeckung des Daches des Imshäuser Herrenhauses (s. auch hier: http://stiftung-adam-von-trott.de/) zusammen mit einem Firstziegel mit der Jahreszahl 1791 gefunden und geborgen. Ich stelle mir gerne vor, dass der Töpfer, der die Ziegel gestrichen hat (auf der Rück- bzw. Vorderseite dieses Ziegels kann man die Fingerspuren deutlich sehen und auch gut fühlen) ab und an auf der Baustelle von seinem möglicherweise anspruchsvollen Bauherrn besucht wurde und dass er die Möglichkeit nutzte, im Verborgenen eine Karikatur des Bauherrn auf dessen eigenem Haus zu platzieren.

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Das Herrenhaus in Imshausen – ohne die Trottenziegel auf dem Dach.

Gut zu erkennen ist der Dreispitz auf dem Kopf und das ausgesprochen prägnante Profil. Dass es sich bei der dargestellten Person um einen Adeligen handeln dürfte, verraten neben dem Zopf am Hinterkopf und dem Stock in der Hand auch der Rock und die engen Beinkleider. Auf dem zweiten Ziegel kann man im Übrigen auch die Litzen am Rock sehr schön erkennen. Die Beinstellung erinnert ein bisschen an jemanden, der in der Schlange vor einer Toilette steht, aber das ist damit sicher nicht gemeint, das ist nur eine Assoziation von mir.

200 Jahre hat der Ziegel seinen Dienst getan, Wind und Regen abgehalten. Das Bild war immer schön versteckt. Als in den 1990er Jahren die Vorderseite des Daches neu gedeckt wurde, hat man die Ziegel entdeckt und geborgen. Vor einigen Jahren mussten auch noch die drei anderen Seiten des Daches neu gedeckt werden, der Zahn der Zeit und eindringende Feuchtigkeit hatten heftig an den Dachlatten genagt. Und bei dieser Gelegenheit fanden die Dachdecker handgeschmiedete Nägel. Damit war schnell klar, dass große Teile des Dachstuhls tatsächlich noch aus der Bauzeit des Hauses stammen dürften.

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Und nachdem ich das Bild auf Twitter gepostet hatte, kamen sofort Reaktionen.

histodings

Ein interessanter Verweis führte mich zu den so genannten „Feierabendziegeln“, die darauf schließen lassen, dass Ziegel wie diese auf Häusern dieses Alters keine Seltenheit sind und dass sie manchmal als Zählmarke oder Signatur auch einen praktischen Zweck erfüllen. Und sogar die Fingerspuren sind wohl nicht zufällig auf den Ziegel geraten: Solche Fingerspuren dienten dazu, die Ablaufrichtung des Regenwassers vorzugeben (was im Übrigen gerade bei unserem Ziegel gut funktionieren dürfte – ein Foto von der anderen Seite habe ich gerade nicht, liefere es aber nach).

Hier erzählt ein schönes altes Haus Geschichte(n) im besten Sinne. Viele Schichten früherer Bewohner gibt es in Imshausen zu entdecken, wenn man genau hinschaut – davon zeugt ja auch das Wort „Geschichte“ an sich schon, das das Wort „Schicht“ schon enthält. Und das Beste: Man muss sich nicht mühsam wie ein Archäologe von der jüngsten durch die früheren Schichten graben, sie liegen nebeneinander und warten darauf, entdeckt zu werden.

Dank Histocamp also wieder etwas gelernt. Und morgen geht es dann los: Auf nach Darmstadt, viele spannende Menschen treffen, die ein Faible für Geschichte haben und neue Impulse mitbringen. Ich freue mich darauf. Und ich bin ein bisschen stolz, einem Verein wie Open History e.V. anzugehören, der zwar klein ist, aber doch so aktiv, dass er Menschen mit ganz unterschiedlichen Zugängen zu Geschichte verbindet, spannende Veranstaltungen wie das #Histocamp und so lustige wie das #Histowichteln auf die Beine stellen kann. Übrigens: Mitmachen bei Open History ist ausdrücklich erwünscht. Mehr Vernetzung unter Historiker/innen auch außerhalb förmlicher wissenschaftlicher Tagungen wird dringend gebraucht. Transparenz und Partizipation müssen auch in den Geschichtswissenschaften unbedingt gefördert werden.

 

 

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2 Antworten zu “Von #Histodingsen und Feierabendziegeln

  1. Hallo Ute,
    danke für die interessante Story mit der Trotten – Dachziegel:
    „Karikaturen auf dem Dach“. Ein neues Genre für die Bildende Kunst.
    Aber, Spaß beiseite oder gerade doch! Es ist jedenfalls amüsant.
    Der Dachdeckerkünstler hat uns ein Bild seines Vorgesetzten bzw. Auftraggebers hinterlassen, das eigentlich den Zustand der damaligen
    Abhängigkeitsverhältnisse zeigt: Ihr da oben groß und mächtig, wir
    mit Ton beschäftigt, dem Material ,aus dem der erste Mensch erschaffen wurde. Die “ Botschaft“ des Ziegels sollte aber m.E. gar nicht agitieren und
    öffentlich wirken. Eher wie die für den Betrachter nicht sichtbaren Skulpturen in schwindelnder Höhe an den gotischen Kathedralen, sollte der
    Ziegel an anonyme oder vielleicht „himmliche“ Adressaten gerichtet
    sein. Quasi eine “ Flaschenpost“ im Meer der Ziegel.
    Herzlichst, Martin Schaub.-

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    • Lieber Martin Schaub,
      gerade die Frage der Abhängigkeitsverhältnisse werden in solchen Medien wie dem Trottenziegel sehr deutlich und sogar ein bisschen subversiv thematisiert. Danke für den Kommentar. Vielleicht könnte man ja dazu tatsächlich mal ein Projekt machen – mit bildender Kunst.
      Viele Grüße
      Ute Janßen

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