Alles Luther oder was?

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Jede Epoche bekommt das Reformationsfest, das sie verdient. Das lässt sich auch anhand des Reformationsjahres 2017 sehr deutlich zeigen: Ein Event jagt das nächstes und der Spektakularitätsfaktor muss am besten jedes Mal eine Steigerung erfahren. Vom Pilgern mit Traktoren und dem Luther-Pilgerweg bei uns in der Region über eine Flut an Büchern und Vorträgen, von Luther-Mahlzeiten, Theaterstücken und Musicals, von Bonbons, Backmischungen über Spielzeugfiguren und Socken bis hin zur Weltausstellung: Der Phantasie sind offensichtlich keine Grenzen gesetzt und je markttauglicher, desto besser. Und dazu der allgemeine Tenor, der sich in vielen Reden dieses Jahres widerspiegelt: Luther als Vorkämpfer der Moderne, der Zivilgesellschaft und der Menschenrechte.

Ein Jubiläum wie das diesjährige und die davor liegende Dekade sagt meiner Wahrnehmung nach ohnehin viel weniger über die Zeit aus, an die erinnert werden soll, sondern viel mehr über die eigene Gegenwart aus. Jede Epoche bekommt das Reformationsjubiläum, das sie verdient und feiert damit eher die eigenen Werte, als das Ereignis der Reformation selbst und seinen theologischen Gehalt.

Die Kirchenhistorikerin Dorothea Wendebourg legt dies in ihrem lesenswerten Buch „So viele Luthers … Die Reformationsjubiläen des 19. und 20. Jahrhunderts“ (Leipzig 2017) ausführlich dar. Nachdem sich die ersten Jubiläen im 17. und 18. Jahrhundert vor allem die Lehre und den Kultus in den Mittelpunkt stellten und als „Heilstat Gottes, der durch Martin Luther, gleichsam einen zweiten Mose oder Elia, die Errettung vieler Seelen aus dem Kerker der antichristlichen Papstkirche eingeleitet hatte“ (Wendebourg, S. 16) begangen wurden (allerdings auch damals schon mit Gottesdiensten, Umzügen, Theaterspielen und Konzerten bereits als quasi multimediale Inszenierungen), veränderte sich die Blickrichtung im 19. Jahrhundert deutlich. Zunehmend standen nun die Person des Reformators und die gesellschaftlichen Auswirkungen seines Tuns im Mittelpunkt. Ihm wird (erstmals im Umfeld des 400. Jubiläums seines Geburtstages 1883) eine „erhebende Wirkung auf das gerade im Nationalstaat geeinte deutsche Volk“ (Wendebourg, S. 21) zugeschrieben. Heinrich von Treitschkes Jubiläumsrede trägt den Titel „Luther und die deutsche Nation“.

1917 hatte die Feier des Reformationsjubiläums wiederum einen anderen Charakter. Sie wurde bestimmt durch den Krieg, dessen Kampfhandlungen zwar im Ausland stattfanden, dessen Auswirkungen jedoch gerade zu dieser Zeit auch an der „Heimatfront“ deutlich zu spüren waren. Es war das vierte Kriegsjahr, hinter den Menschen in Deutschland lag der „Hungerwinter“ und die militärische Situation wurde zunehmend kritisch. Gerade in dieser Zeit hatte die Feier des Reformationsjubiläums eine besondere Bedeutung: Martin Luther wurde den Deutschen als „deutscher“ Held und Vorbild für Kampfgeist präsentiert. Man erhoffte sich eine identitätsstiftende und ermutigende Wirkung des Jubiläums auf die zunehmend kriegsmüderen Deutschen.

1933 wurde der 450. Geburtstag Luthers als „Deutscher Luthertag“ vor dem Hintergrund der Hoffnung auf einen volkskirchlichen Aufbruch, der durchaus auch diejenigen umfasste, die sich später in Pfarrernotbünden und in der Bekennenden Kirche zusammenfanden. Man erhoffte sich die „Vollendung der Reformation im Dritten Reich“ (Wendebourg, S. 23), Luther und Hitler wurden als Brüder im völkischen Geist inszeniert. Am 13. November 1933 hielt der Berliner Gau-Obmann der Deutschen Christen, Reinhold Krause seine berüchtigte „Sportpalast-Rede“, in der er unter dem Titel „Die völkische Sendung Luthers“ ein „artgemäßes Christentum“ in die Einführung des „Arierparagraphen“ in die Verfassungen der Landeskirchen forderte. Zwar führte die Rede Krauses bei manchen Kirchenmitgliedern und Pfarrern zu deutlichen Irritationen (z.B. bei Karl Barth) und zu einer Abkehr Mancher von den Deutschen Christen, aber die Instrumentalisierung Luthers bleibt deutlich sichtbar, sie zeigte sich auch in der verstärkten Rezeption der antijüdischen Schriften Luthers während des Dritten Reiches.

In der DDR galt Luther zunächst als Konterrevolutionär und fortschrittsfeindlich, ihm wurde Thomas Müntzer als Gegenpol gegenüber gestellt. Dennoch fanden Luther und die Reformationsjubiläen auch in dem sich selbst als sozialistisch definierenden Staat schon bald eine überraschend große Resonanz. Das hatte seine Wurzeln wahrscheinlich darin, dass die DDR nach positiven Anknüpfungspunkten in der deutschen Geschichte suchte. Sie nahm für sich in Anspruch, „Heimstatt aller positiven Überlieferungen aus der deutschen Vergangenheit“ zu sein (Reformationsjubiläumsrede des Stellvertretenden Staatsratsvorsitzenden Götting von 1967, zitiert nach Wendebourg, S. 26). Staat und Kirche feierten ausgiebig und nebeneinander die verschiedenen Reformationsjubiläen, seien es die Geburtstage Melanchthons und Luthers oder eben die Reformation selbst als „Frühbürgerliche Revolution“, mit der Luther endgültig vom Konterrevolutionär zum Revolutionär wurde. Es entstanden „Lutherstädte“ und es gab eine Vielzahl von Lutherbüchern im Umfeld der Reformationsjubiläen. Dabei wurde Luther und vor allem der antijüdische Luther durchaus kritisiert. Die kritischen Töne kamen allerdings weniger von der politischen Seite, als vielmehr aus der evangelischen Kirche selbst, die Luther zwar für seine theologischen Kernthesen, für die Erneuerung des Gottesdienstes und für seine Bibelübersetzungen würdigte, aber die „dunkleren“ Farben dabei nicht aussparte.

Auch 2017 werden die Feiern zum Reformationsjubiläum durch staatliche Zuschüsse stark gefördert. Luther wird als Vorkämpfer für Moderne, für Freiheit, Zivilgesellschaft und Demokratie gefeiert. Doch diese Sicht ist deutlich eine Sicht aus der Gegenwart in die Vergangenheit. Luther selbst und seine Zeitgenossen haben ihn sicher nicht in dieser Weise wahrgenommen. Sicher haben sich die Entwicklungen, die Luther mit seinen Forderungen zur Kirchenreform angestoßen hat, als bahnbrechend und wegweisend erwiesen, aber es bleibt die Frage, ob wir mit diesen Etikettierungen dem historischen Luther tatsächlich gerecht werden. Interessant ist, dass in einer Zeit, in der Privates immer öffentlicher wird, auch das „Privatleben“ des Reformators im Verhältnis zu seinem Wirken in unserer Wahrnehmung immer mehr Neugierde weckt. Es sind nicht mehr unbedingt die großen theologischen Fragen, die im Mittelpunkt des Interesses stehen, es sind die Kleinigkeiten. Und dazu kommt unsere Lust am Event: Alles muss größer, höher, weiter sein, als das Vorhergehende, wir stehen in Konkurrenz um das originellste und öffentlichkeitswirksamste Luther-Erlebnis.

Am Ende bleibt jedoch die Erkenntnis, dass es eigentlich darum geht, dass der Mensch seinen Wert nicht aus eigener Kraft und durch seine eigenen Leistungen sozusagen als „Belohnung“ erhält, sondern aus der Gnade und der Liebe Gottes zu allen Menschen. Immer, überall und ohne Vorbehalt.

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2 Antworten zu “Alles Luther oder was?

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